Diese Präsentation wird zur Zeit überarbeitet!

Startseite

Neue Werke

Auszüge

Bilder-Archiv

Kunstkarten

Talentanalyse

Schwingungsbilder

Grafiken

Kurse

Impressum/E-Mail

Mein erstes KunstmärchenbuchWochenhoroskop

Urheberrecht : Es ist nicht gestattet ohne mein Einverständnis Bilder und Texte  zu kopieren, zu verlinken, zu vervielfältigen oder anderweitig zu verwenden.

Lebensrisse

Ein Bild kann wie ein Foto sein. Wenn es Kennzeichen eines guten Bildes sein soll, einem Foto möglichst nahe zu kommen...dann ist das Foto das ideale Bild. Ein Gemälde ist aber mehr als ein Foto. Ein gutes Foto mag vom Können des Fotografen künden...ein wirklich gutes Gemälde aber zeigt mehr als je auf einem Foto zu sehen sein mag. Ein Gemälde ist das Spiegelbild der Gedanken eines Künstlers.

Lebensrisse von Christiane Staack zeigt vordergründig ein "Stück Natur"....und doch viel mehr. Da ist Erde...da ist Wasser. Es ist schwer zu erahnen, wie groß das Wasser ist: sehen wir eine Pfütze, einen See, ein Meer? Das Wasser ist - so scheint es - gefroren. Im Wasser liegen Steine. Sie können dazu dienen, das Wasser zu überqueren. Man muss "nur" von Stein zu Stein springen...

Das Eis strahlt Kälte aus. Es ist erstarrt. Und doch bricht es auf. Es splittert auf. In der harten Oberfläche bilden sich Risse...Lebensrisse. Die Kälte, wird sie besiegt? Kommt das fließende Wasser wieder zum Vorschein? Leben ist Bewegung, so wie Wasser lebt, wenn es in Bewegung ist. In der uralten chinesischen Religion des Taoismus galt Wasser als eine Art Symbol für das Leben. Es ist weich und besiegt doch das Harte. Das harte Eis bricht auf und lässt das Wasser in Bewegung geraten.

Leben ist Bewegung. Leben ist die Folge von Geschehnissen. Wir begehen den Fehler, einzelne Momente des Lebens festhalten zu wollen. Doch wenn wir das tun, halten wir das Leben an, lassen es erstarren. Lebensrisse gibt es überall: im Eis, aber auch im Beton. Wer hat es nicht schon gesehen, wie sich ein scheinbar schwaches Löwenzahnblümchen durch harten "Beton" sprengt. Auf die Dauer gewinnt das Schwache gegen das Harte...so wie auf dem Bild von Christiane Staack das kalte Eis aufreißt.

Das Bild von Christiane Staack erzählt eine Geschichte. Betrachtet man das Bild, so sieht man eine Momentaufnahme....Eine Eisfläche, die zerspringt, die dem Wasser nachgibt....Steine liegen im Wasser. Bald werden sie von Bewegung umspült werden. Wer das Wasser überqueren will, der mag die Steine als sichere Tritte verwenden. Und was spiegelt sich da in der glatten Fläche? Ist es der Himmel...der bewegte Himmel, der Leben in die Erstarrung bringt? Der Himmel ist Spiegelbild des bewegten Wassers. Oder ist das Wasser Spiegelbild des bewegten Himmels?

Lebensrisse sind wie die Falten im Gesicht eines Menschen...wie die Risse in seiner Hand. Sie bezeugen Leben - und Veränderung. Leben bringt Veränderung in das scheinbar Unbewegliche...in das scheinbar Statische. Leben ist Bewegung. Betrachten wir das Bild näher, vertiefen wir uns weiter in das Bild, so erkennen wir: zum Teil ist das Eis schon geschmolzen. Wo ein Riss die Härte durchzog...sorgte die Sonne dafür, dass das Eis wieder zu Wasser wurde. Geheimnisvolles Licht bricht sich spiegelnd in einem schmalen Rinnsal. Risse brechen auch das harte Erdreich auf. Die Kruste zerbröckelt. Wird sich bald sanftes Grün zeigen? Werden zarte Blättchen aus dem scheinbar toten Boden sprießen?

Ein Foto kann vordergründig die Wirklichkeit zeigen. Ein Gemälde wie "Lebensrisse" ist viel mehr. Die Malerin hat Gedanken sichtbar werden lassen. Aber wir kennen sie nicht. Wir betrachten ein Bild und denken darüber nach. Ein gutes Bild führt dazu, dass beim Betrachter Gedanken entstehen. Kunst fördert das Denken des Betrachters. Jeder Betrachter sieht letztlich etwas anderes. Jeder Betrachter kommt auf andere Gedanken. Ein Kunstwerk entlockt jedem Menschen andere Fantasien. Es wäre anmaßend zu behaupten, die Gedanken der Künstlerin zu kennen. Niemand vermag es, sie in Worte zu fassen. Die Künstlerin selbst kann es letztlich auch nicht. Denn wenn sie dazu in der Lage wäre, die im Bild verewigten Gedanken in Worte zu kleiden, dann hätte sie wohl besser einen Text geschrieben als ein Bild gemalt.

Man kann ein Bild wie "Lebensrisse" betrachten, seine Gedanken dazu formulieren. Man darf nur nicht den Anspruch erheben, auszudrücken, was die Künstlerin bezweckte, als sie das Bild malte. Gedanken zu einem Bild wie Lebensrisse können helfen. Sie können zu Zustimmung wie zu Ablehnung führen. Sie können dazu beitragen, dass ein Mensch die Worte liest...und sich eigene Gedanken über ein Kunstwerk wie "Lebensrisse" macht. Dann haben Worte über ein Bild schon sehr viel erreicht.


Walter-Jörg Langbein